Der Wunsch, mit den Toten zu reden.

Re-Präsentationen aus dem Dichter-Nachlass Ernst Krauss

Als ich im Frühjahr 2017 in den Allard Pierson Theatersammlungen der Universität Amsterdam auf den Nachlass der Internationalen Konzertdirektion Ernst Krauss stieß, ergriff „der Wunsch mit den Toten zu sprechen“ zweifellos Macht von mir.
Der in Deutschland geborene Karl Ernst Krauss (1887 – 1958) war eine Person des öffentlichen Lebens in den Niederlanden. In Amsterdam hatter er seit den 1920er Jahren eine Künstleragentur betrieben und BühnenkünstlerInnen von Weltrang europaweit vermittelt. Sich selbst hingegen hatte er aber vor allem als Dichter betrachtet. Beides – sein literarisches Werk, wie auch sein Wirken als Kunstvermittler sind nach seinem Tod 1958 schnell in Vergessenheit geraten. Die letzte Person, welche die Lebenszeugnisse des Impresarios, Dichters und Kulturmenschen Ernst Krauss in den Händen gehalten hatte, war vermutlich 1991 Desiree Groote gewesen – zum damaligen Zeitpunkt Studentin der Kulturwissenschaften an der Amsterdamer Universität, die im Auftrag des Niederländischen Theaterinstituts den Krauss-Nachlass inventarisiert hatte.

„Damit wir dies mal benennen: Ich meine, dass beim Sammeln von Texten immer die Lust im Hintergrund steht, sich die Texte einzuverleiben, beim Editieren von Texten, die Lust die Texte zu verkörpern, beim Kommentieren von Texten ist es die Exuberanz, dass es viel wird, dass man sich selbst schwer macht, beim Historisieren von Texten die Abwendung von der Erfahrung des physischen Todes und schließlich beim Lehren von Texten eine Deixis ein im körperlichen Sinn Verweisen von etwas.“
Hans Ulrich Gumbrecht, Die Macht der Philologie, 2003

Während ich weitere 26 Jahre später, und 60 Jahre nach Krauss’s Tod erneut durch die Fotografien, Briefe, Zeitungsausschnitte, Künstlerportfolios in den Archivmappen seines Nachlasses blätterte, wurde mir klar, was Gumbrecht damit gemeint haben musste, dass hinter den Tätigkeiten des Sammelns von Fragmenten, des Editieren von Texten sowie ihrer Kommentierung und Historisierung die Sehnsucht nach „Präsenz“ der Vergangenheit“ stehe – ein quasi religiöses Motiv, das als Wunsch aufzufassen sei, mit den Toten zu sprechen und an deren Unsterblichkeit teilzuhaben. Möglicherweise lösten die Papiere im Krauss-Nachlass gerade deswegen bei mir diesen Wunsch nach der Präsenz von Vergangenheit aus, weil das vollkommene Vergessen, dem Ernst Krauss’s Existenz anheimgefallen war, in so krassem Widerspruch steht zu seinen eigenen Bemühungen, zu Lebzeiten Nachruhm zu erlangen. Von Ernst Krauss’s Leben ist aber – um in der Metapher zu bleiben – buchstäblich nichts als das Papier geblieben, von dem er sich seinerzeit das literarische Überleben erhoffte. Die Präsenz dieses Materials rührte mich in der Folge mehr an, als die mögliche Belegmacht der Dokumente für meine zu schreibenden historiografischen Betrachtungen. Neben meinen Recherchen zu den historischen Umständen der Europa-Tournee des indischen Menaka-Ballett, die Krauss 1936 produziert hatte, ging ich daher auch den Umständen von Ernst Krauss’s Existenz nach, angetrieben von dem Wunsch, mir die Archivalien in seinem Nachlass „einzuverleiben“ – sie körperlich so nahe wie möglich zu bringen.

„So kehrt ich an die Zukunft meine Frage,
Da jüngst ich an die Fensterscheibe trüb
An kaltem regnerischen Tage
Mit meinem Finger Deinen Namen schrieb
Ob dauern er in Lieder und in Sage? –
Doch ob auch schwül der Raum:
der Name blieb!… .“
Ernst Krauss gewidmet von Christian Wagner Warmbronn, in „Ernst Krauss ein Lebensweg“, Heinrich Schäff, 1930

Eine Biografie der Moderne

Ernst Krauss‘ Lebenslauf ist eine Biografie der Moderne. Sie beginnt während der Gründerzeit in der deutschen Provinz und endet grenzüberschreitend in der niederländischen Hauptstadt, beide Weltkriege erlebte Krauss in der produktivsten Phase seines Lebens und er baute seine Existenz als Künstler und Kunstvermittler in einem gesellschaftlichen Bereich auf, in dem sich der Einbruch der Moderne überall unmittelbar als Reflektion in der künstlerischen Produktion niederschlug.

Die Krauss-Hinterlassenschaften sind also in jeder Hinsicht als ein Archiv der Moderne zu lesen. Einerseits, weil die Archivalien im Nachlass Zeugnisse einer typisch modernen Entdeckung und Erfindung des Künstlersubjekts darstellen, andererseits, weil sie von jener anderen Charakteristik in Biografien der Moderne bestimmt sind – nämlich ihrer Lückenhaftigkeit. Das zusammenhängendste und umfangreichste Konvolut im Krauss-Nachlass bilden die Portfolios der Künstler, deren Aufführungen Krauss als Impresario vermittelt hatte. Zu seinem Privatleben geht aus den Archivalien aber kaum mehr hervor, als das öffentliche Bild des Kunstliebhabers, Vermittlers und Dichters, welches Krauss selbst sorgfältig konstruiert und gepflegt hatte. Beinahe jedes Dokument im Krauss-Nachlass ist daher zu hinterfragen, inwiefern es vielmehr als Vorlass zu verstehen ist – als Teil jener Bemühungen, sein Nachleben zu steuern. Dieser permanente Verdacht führte zu einer Reise, einer Suchbewegung – einem seinerseits – wie Blumenberg sagt – aussichtslosem Zurück zu den Quellen, an deren Ende nicht das Ursprungsereignis steht, sondern lediglich die Re-Präsentation der Dokumente. (Weimar, September 2019)

1887

Ernst Krauss Kindheitsgeschichte existiert im Nachlass nur in der Form, in der er sie sich selbst erzählt hat. 1930 ließ er in Vorbereitung der Erscheinung seines neuen Gedichtbandes ein kleines Heftchen mit biografischen Informationen drucken, die sein Dichterfreund Heinrich Schäff für ihn verfasst hatte. Schäff stilisiert in seinem Text Ernst Krauss Kindheit als behütete Zeit in der Familie des schwäbischen Dorflehrers Christian Friedrich Krauss und deutet einen Konflikt zwischen Ernst Krauss und dessen Vater an, weil Ernst offenbar beschlossen hatte nicht die vorhergesehene Lehrerlaufbahn einschlagen wollte.

Im Kontrast zu der Dichtung, in der Krauss seine Kindheit erfand, stehen die behördlichen Eintragungen im Familienregister. Vergegenwärtigt man sich die Namen und Daten im Stammbuch der Gemeinde Rosenbach, wird der Lebensalltag der Familie Krauss um die Jahrhundertwende auf ganz andere Weise anschaulich. Aus dem Familienregister geht hervor, dass Karl Ernst Krauss am 8. August 1887 in Eberbach in der Nähe von Stuttgart als sechstes Kind des Schullehrers Christian Friedrich Krauss und Marie Magdalena Krauss, geb. Hanselmann zur Welt kam. Marie Magdalena hatte insgesamt neun Kinder ausgetragen, vier von ihnen waren totgeboren, starben unmittelbar nach der Geburt oder im ersten Lebensjahr. Fünf ihrer Kinder erreichten das Erwachsenenalter, einer von Ernsts älteren Brüdern kam vermutlich im Ersten Weltkrieg ums Leben. Maria Magdalena Krauss, war also seit ihrem 24. Lebensjahr fast ununterbrochen schwanger, am 23. August 1906 starb sie im Alter von fünfzig Jahren. Ein Jahr nach Ernst’s Geburt zog die Familie Krauss nach Rieden (heute Gemeinde Rosengarten), wo der Vater das Amt des Dorfschullehrers antrat.

Eintrag der Familie Krauss im Register der Gemeinde Rosengarten/Rieden

 

„Als Dreijähriger war der junge Krauss eines Tages spurlos verschwunden. Man fürchtete ein Unglück, suchte den Fluss ab und das ganze Dorf: aber der Abend kam und keine Spur war zu finden. Erst als die Sonne hinter den blauen Bergen untergegangen war, entdeckte man den jugendlichen Träumer in tiefer Versunkenheit am offenen Giebelfenster unter dem hohen Dachfirst des Schulhauses. Über eine Leiter war er bis zum höchsten Holztrockenboden geklommen, dessen Fensteröffnung bis zum Bretterbelag des Bodens hinabreichte. Die Füsse durch die Fensteröffnung hängend, liess er seine Träume mit dem Gold der Abendwolken und den blauen Nebeln über den Waldbergen in ferne Weiten ziehen, die Eltern und selbst den Hunger vergessend.“
(in „Ernst Krauss ein Lebensweg“, Heinrich Schäff, 1930)

Schon bei den ersten Schritten durch die grüngolden funkelnde Wälderpracht, durch die ich von zarten Morgenlicht umtost, die ersten Erhebungen aus dem Alltagsstaube, leichten Herzens und frohen Mutes zu überwinden suchte, erfüllt mich unbewußt eine große Begeisterung für die herrlichen Naturschöpfungen. Meine Augen erblicken in allem Schönes, Erhabenes und Edles. Im Weiterziehen überkommt mich ein wunderbares Gefühl der Gottnähe, das mich freudig aufjauchzen läßt und mich unsäglich glücklich stimmt.
(Ernst Krauss, in „Leben und Liebe“, 1912)

1901 begann der vierzehnjärige Ernst Krauss entgegen der vorbestimmten Laufbahn des Lehrersohns eine Kaufmännische Ausbildung in Crailsheim, im Anschluss studierte er an der Handelshochschule Mannheim Nationalökonomie, Psychologie und Kunstgeschichte. Aus dieser Phase von Ernst Krauss’s Ausbildung sind keinerlei Lebenszeugnisse zu finden. Sicher ist, dass Ernst Krauss in den Jahren um die Jahrhundertwende seine literarische Begabung und sein Interesse für die Welt der Kunst entdeckte. Während seines Studiums in Mannheim war Krauss Mitglied der Mannheimer Liederhalle – einem Männergesangsverein, der sich 1872 in der Welle deutschnationaler Begeisterung nach der Gründung des Kaiserreichs formiert hatte. In dieser Zeit hatte Krauss begonnen, Gedichte zu schreiben, 1912 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Leben und Liebe“.

Gott – Natur – Mensch
Wenn ich im Glanz des Morgensonnenstrahls
Durch taubeträufelt-frische Wiesen schreite,
Wo blumenduft-durchtränkte Lüfte leise,
Wie kosend, lieblich mich umwehen, und Tal
Und Berg, und Flur und Wald grüngolden funkeln,
Wird mir die Wahrheit voll zur Klarheit,
Daß diese Frische, dieses Sprießen,
Die glanzumflossne milde Schönheit,
Die Gottnatur im Allumschließen
Mit zarten Banden mich mit ihr verbindet.
Und Erd‘ zu Himmel, Mensch zu Gott
Sich hier zusammenfindet! –
(Ernst Krauss, Leben und Liebe, 1912)

1914

Für Deutschlands Ehre.
Fechten! Fechten!
Wir lassen uns nicht knechten!
Umringt uns auch die ganze Welt:
wir zagen nicht
wir klagen nicht,
Mit frohem Mut zieh’n wir ins Feld!
Frisch pulst das Blut und treibt und schafft
Und gibt uns namenlose Kraft
zum Streit, zum Kampf, zur Wehre
für Deutschlands Ehre.
(Ernst Krauss, Der Deutschnationalen Kriegslieder, 1915)

Am 1. August 1914 heirate Ernst Krauss in Amsterdam die drei Jahre ältere Niederländerin Cornelia Brand Adema. Am gleichen Tag hatte Deutschland Russland den Krieg erklärt und die Mobilmachung Europas begann. Der frischverheiratete Ernst Krauss war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte gerade sein erstes Buch veröffentlicht und war im Begriff, sich einen Namen als Literat zu machen, als er zur Grundausbildung nach Deutschland eingezogen wurde. Die Umstände, unter denen Krauss dem Kriegseinsatz aber schließlich entging, liegen im Dunklen. Krauss’s militärische Personalunterlagen existieren nicht mehr. In der von seinem Dichterfreund Heinrich Schäff 1930 verfassten Kurzbiografie ist jedenfalls von einer schweren Erkrankung die Rede, in deren Folge Krauss vom Dienst befreit und nach Egmond aan Zee, einem Luftkurort an der niederländischen Nordseeküste überwiesen wurde.

Die „Kriegslieder der Deutschnationalen im Felde“, die Krauss 1915 herausgegeben – und zu denen er selbst einige  patriotisch verklärte Beiträge verfasst hatte, fallen stilistisch aus dem naturmystischen Genre, in dem er sich bis dahin geübt hatte. Während seines Aufenthalts in Egmond arbeitet er ungerührt und unberührt von der Gegenwart des Krieges an einer Edition der aus seiner Sicht maßgeblichsten deutschen Dichter seiner Zeit. Der Band „Deutsche Dichter“ erscheint 1917, als es für Deutschland schon keine Siegesaussicht mehr gibt. Krauss macht keine Anstalten, seine berufliche Zukunft in Deutschland aufzubauen. Er war offenkundig in der niederländischen Kunstwelt angekommen. Seine Frau Ecoline Adema hatte es zu diesem Zeitpunkt zu einiger Bekanntheit als Sängerin gebracht und Krauss selbst hatte mit dem Egmonder Bürgermeister einen Kunstverein gegründet, schrieb Kunstkritiken und begann in der Egmonder Umgebung Konzerte zu organisieren.

„Der Krieg hat der Krieg hat durch seinen dumpfen Druck in dem Empfindungsleben unserer Zeit große Veränderungen zuwege gebracht. Er streute Hass aus und knechtete den Geist, warf Leid auf Leid erbarmungslos über die Menschheit und alle Schönheit stand im Schatten seiner Wolken. Aber neben dem Hass sprießte die Liebe auf und wuchs stärker denn je zuvor – und sie wird noch viel weiter wachsen, wenn das Ringen der Völker vorübergegangen sein wird und zur Geschichte geworden ist. Aus der Knechtung des Geistes erwuchs eine Sehnsucht nach Freiheit. Und jede Sehnsucht kämpft um ihr Ziel. Das Leid konnte eine zeitlang niederdrücken und abstumpfen, Aber da die Seele zeitloses Leben ist, heilen ihre Wunden. Aus den Narben aber blüht ein Wundersames auf: der größte Schmerz gebiert die größte Schönheit: die Seele begreift tiefer die Verkettung mit einem höheren Sein, lernt seiner fühlen und wird reifer zu einer Allliebe. So erwächst aus dem großen Unheil dieses Weltkriegs ein großes Heil für die Menschheit. In dem Niederkämpfen des Leides, in dem Ringen um Freiheit, Liebe und Licht möchte dieses Buch, das gleichzeitig dem literaturgeschichtlichen Zwecke dienen soll, Tröster, Helfer und Förderer sein. Ernst Krauß. Im Frühling 1917“
(Ernst Krauss, Deutsche Dichter, 1918)

Ecoline Adema-Krauss, mit bürgerlichem Namen Cornelia Brand-Adema trat in den Niederlanden auch unter dem Künstlernamen Hovid Hoyd auf.

1927

Am 22. November 1927 betrat Ernst Krauss in Begleitung des Verlegers Marius Meulenhoff die Kanzlei des Amsterdamer Notars Arnold van den Bergh und ließ sich die Gründung der Internationalen Konzertdirektion Ernst Krauss zu Amsterdam als „Naamlooze Vennootschap“ notariell beglaubigen. Das Gründungskapital betrug 10000 Gulden, auf 20 Anteile von je 500 Gulden verteilt. Die Gesellschaft wurde zunächst für eine voraussichtliche Laufzeit von sechzig Jahren gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Krauss keinen festen Geschäftssitz in den Niederlanden gehabt. Seine Post ließ er ins Hotel Victoria, gegenüber dem Amsterdamer Hauptbahnhof schicken, in der Hotellobby führte er auch die Verhandlungen mit den KünstlerInnen, deren Vertretung er übernahm.
Im Oktober 1927 bezog Krauss mit seiner Konzertdirektion repräsentative Büroräume in der 4. Etage der Marnixstraat 425.

„Dem ehemaligen Dorfbübchen, das am liebsten in die Wolken schaute und dem Raunen der Winde lauschte, das später in Sehnsucht nach der weiten Welt, alter Tradition zum Trotz durchsetzte, Kaufmann zu werden und sich dann mit Heringstonnen, Kaffeeballen und Erdölfässern abmühte, bringen heute die ersten Sterne der Kunstwelt unumschränktes Vertrauen zu (Er entwirft und leitet unter anderem große Tourneen für die Pawlowa, den großen Weltstar.), Seine Fäden reichen über den ganzen Erdball, tausende Aufführungen organisierte er und trotz einer ungeheuren Arbeit, dieser Organisator leistete und immer noch leistet, hat er sich eine stille Seele bewahrt, schreibt er Gedichte von einer Schlichtheit und Innigkeit, wie außer ihm nur noch ganz wenige in dieser zerrissenen Zeit des Kastens und empfindungsarmer Gehirnkunst es vermögen und dies ist an diesem Menschen und Dichter eigentlich das größte Wunder.“
(in „Ernst Krauss ein Lebensweg“, Heinrich Schäff, 1930)

Am 10. November 1926 hatte Krauss eine Vorstellung der russischen Ballerina Anna Pavlova in Bremen besucht und war elektrisiert von deren Bühnenpräsenz. Anna Pavlova hatte gerade eine Welttournee abgeschlossen und war darum bemüht, in Europa wieder an ihre vormaligen Erfolge anzuknüpfen. Das Interesse an ihrem klassischem Ballett-Repertoire war aber Ende der zwanziger Jahre in Europa am abflauen. Nachdem Krauss nach deren Auftritt in Bremen bei Anna Pavlova vorstellig geworden war, beauftragte sie ihn mit ihrer Vertretung in Europa für die kommenden Jahre. Krauss gelang es daraufhin, beginnend in den Niederlanden, noch einmal ein Publikum für Anna Pavlovas leicht aus der Mode gekommene Choreografien zu gewinnen. Am 23. Januar 1931 starb die Ballerina überraschend während ihrer letzten, von Krauss betreuten Tournee, in Den Haag auf dem Gipfel ihrer späten Karriere.

Anna Pawlowa

Als ob die Sonne funkelnd ihren Glanz
in tiefster Zärtlichkeit um mich gewoben,
der Erde Schweren plötzlich ich enthoben,
erschuf der Hehren heller Strahlenkranz
beseligt Leuchten in mir: lichter Tanz
ward meine Seele selbst, erfüllt mich ganz.
Die Sonne schwingt empor in stolzem Lauf,
der dunklen Erde goldne Strahlen spendend.
Du blühst wie eine Morgenblume auf,
o Göttliche, und Erdenkleinheit wendend
zu Freudenstrom und Glück.
Ein himmlisch Licht, von Dir geschöpft, uns sendend,
aus trunknem Jauchzen quillt es neu in Dich zurück!

1940

„Starke Gegnerschaft gegen Hitler-Regime. Sich auf außergewöhnlich feine Art bewiesen und auf allen Gebieten Unterstützung geboten. Moralisch und finanziell oft geholfen. Durch seine unverblümt „judenfreundliche“ Haltung bei verschiedenen deutschen Instanzen eine sehr kompromittierte Figur. Schritte unternommen, Menschen aus der Gefangenschaft zu befreien oder vor dem Arbeitsdienst zu bewahren. Er und vor allem seine Frau halfen Untergetauchten, lasen, verbreiteten und unterstützten illegale Blätter.“
(ALBERT JUL. KEIZER, Mitarbeiter F.O.D., P.O.D. Limburg, sectie O2 Amsterdam, Mitglied d. ehem. P.B.C. [= Persoonsbewijzencentrale, Fälschungen von Ausweisdokumenten], Mitglied Vrije Groepen Amsterdam (V.G.A.);alle genannten Abkürzungen stehen für Widerstandsgruppen], zeitw. Kontrolleur Lebensmittelkartenbüro)

Koninginneweg 219 in Amsterdam, die letzte Meldeadresse von Nathan Wolff (1872-1943), Ernst Krauss’s jüdischem Geschäftsteilhaber, der am 22. September 1942 zunächst ins KZ Westerbork und von dort aus nach Ausschwitz deportiert wurde, wo er am 28. September 1942 umgebracht wurde.

Liste mit Bürgschaften zu Ernst Krauss' Haltung während der deutschen Besetzung der Niederlande

„N.H. WOLFF (Redakteur v. „DE KUNST“): Wurde zum Transport nach Polen bestellt: E.K. hat ihn durch sofortige Intervention in [KZ] Westerbork zurückhalten können und bekam Überbringung nach Theresienstadt zugesagt. (E.K. hat Schritte beim R.[oten] K.[reuz] und beim Judenkommissar unternommen.)“

Ernst Krauss war seit seinem Umzug nach Amsterdam deutscher Staatsbürger geblieben. Nach Kriegsende 1945 stand seine Aufenthaltsgenehmigung in den Niederlanden auf dem Spiel und Krauss musste Bürgschaften zu seiner politischen Haltung während der deutschen Besatzung einholen. An der Liste der Bürgschaften wird  deutlich, wie sehr im Krauss-Nachlass die Lücke als eigentliche epistemische Kategorie des Archivs zu betrachten ist. Anhand einer Namensspur wird das auf besonders anrührende Weise deutlich: N.H.Wolff; Redakteur v. „DE KUNST“. Krauss habe ihn durch sofortige Intervention im KZ Westerbork zurückhalten können, heißt es in der Notiz ohne weitere Quellenangabe. Der Name N.H.Wolff findet sich im Krauss-Nachlass jedoch mehrfach noch an andere Stelle: als Autor einer ausführlichen Krauss-Werkbesprechung in der Kunstzeitschrift „De Kunst“ beispielsweise – und in den Protokollen der jährlichen Gesellschaftersitzungen der Internationalen Konzertdirektion Ernst Krauss. Tatsächlich handelt es sich bei N.H. Wolff um den jüdischen Journalisten Nathan Wolf alias Nardus Henri Wolf – und Wolf war offensichtlich Teilhaber in Krauss’s Firma gewesen. Am 20. Juni 1940 unterzeichnete Wolf das Protokoll der Gesellschaftersitzung mit „anwesend“, ebenso am 5. März 1941 sowie am 11. September 1941. Am 24. Januar 1942 fehlt Wolfs Name ohne weitere Vermerke im Protokoll.

Am 22. September 1942 wiederum wird Nathan Wolfs Name auf der Eingangsliste im KZ Westerbork verzeichnet, von wo aus er drei Tage später nach Ausschwitz deportiert – und unmittelbar nach seiner Ankunft am 28. September 1942 umgebracht wurde. Auch wenn Krauss – wovon auszugehen ist – bei der Deportation seines Geschäftspartners interveniert hat, waren in diesem Fall seine Bemühungen ohne Erfolg geblieben. Im Nachlass findet sich außer der Lücke in den Geschäftsbüchern kein weiterer Beleg für Krauss‘s Beziehung zu Nathan Wolf.

Protokoll der Gesellschafterversammlung der Internationalen Konzertdirektion Ernst Krauss vom 24.01.1942. Es fehlt die Unterschrift des Gesellschafters Nathan Wolf.

1945

„Erklärung: Unterzeichnete erachten Herrn ERNST KRAUSS, Impresario und Schriftsteller aus Amsterdam, J.W. Breuwersplein 4, für den fortgesetzten Aufenthalt in den Niederlanden in Betracht zu kommen, da dieser sich vor und während des Krieges als aufrechter Freund des niederländischen Volkes betragen hat, sich während der Besatzung auf derartige Weise dafür eingesetzt hat, um Niederländern zu helfen – und dies unter ständiger Lebensgefahr für ihn selbst – daß ihm viele ihr Leben zu verdanken haben.
Der fortgesetzte Aufenthalt von Herrn Ernst Krauss in den Niederlanden wird auch in allgemein niederländischem Interesse als notwendig erachtet. Das kulturelle Leben in den Niederlanden hat der Arbeit von Herrn Krauss während der letzten 30 Jahre viel zu verdanken, und auch für die Zukunft ist es wünschenswert, daß er sein Unternehmen weiterführen kann, wegen der sehr wichtigen Beziehungen, die er in fast alle Länder der Welt hat, verbunden mit seiner großen Erfahrung und seiner international bekannten Fachkompetenz als Organisationsleiter auf dem Gebiet der Kunst. Er schaffft es, ausländische Künstler von großer Reputation in die Niederlande zu bringen, und es gelingt ihm auch, niederländische Künstler im Ausland auftreten zu lassen.“
Prof. Mr. J. Oranje, Mitglied der Großen Beratungskommission der Illegalität, ehem. Vetrauensmann der Regierung für die Provinz Nord-Holland
Mr. G.C.J.D. Kropman, Mitglied der Ersten Kammer, Alt-Beigeordneter der Stadt Amsterdam
Dr. H.P. Heineken, Vorstandsvorsitzender des CONCERTGEBOUW
Willem Andriessen, Direktor Amsterdamer Konservatorium
Jan J. Zeldenthuis, Mitglied Reichsfilmzensur, Schriftsteller
Prof. Mr. J. Oranje, Mitglied der Großen Beratungskommission der Illegalität, ehem. Vetrauensmann der Regierung für die Provinz Nord-Holland
Mr. G.C.J.D. Kropman, Mitglied der Ersten Kammer, Alt-Beigeordneter der Stadt Amsterdam
Dr. H.P. Heineken, Vorstandsvorsitzender des CONCERTGEBOUW
Willem Andriessen, Direktor Amsterdamer Konservatorium
Jan J. Zeldenthuis, Mitglied Reichsfilmzensur, Schriftsteller

Das Bahnhofsgebäude in Gerabronn, wo Ernst Krauss's Bruder Otto als Bahnhofsvorsteher arbeitete.

Eine Parallelexistenz. Im Krauss-Nachlass fehlt jeder Hinweis auf die Beziehung von Ernst Krauss zu seiner Familie. Ernsts Vater Christian Friedrich starb 1938 schwer dement in einem Altersheim in Schwäbisch Hall. Von Zeit zu Zeit besuchte ihn die Frau von Ernsts Bruder Otto. Otto Krauss wiederum, Ernsts vier Jahre jüngerer Bruder führte ein Leben, dass im Vergleich zu dem des Kosmopoliten Ernst in bemerkenswerten Wiederspruch steht. Otto Krauss begann eine Ausbildung bei der Reichsbahn und arbeitete daraufhin zeitlebens ohne große Veränderungen als Bahnhofswärter in Gerabronn, einem Dorf nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Rieden entfernt. Otto Krauss trat 1933 in die NDSAP ein. Nach dem Krieg begründete er im Entnazifizierungsverfahren sein Mitläufertum mit einem politischen Desinteresse. Otto Krauss konnte in diesem Verfahren keine derart prominenten Fürsprecher wie sein wortgewandter Bruder aufbringen. Für sein Mitläufertum bürgte ein ehemaliger Kollege, der SPD-Mitglied gewesen war.

„Gerabronn, den 9. August 1946
Ich bitte höflichst um baldige Behandlung meines Falles durch die Spruchkammer und mache hier zu folgende Ausführungen: am 1. Mai 1933 bin ich der NSDAP als Beamter beigetreten, weil ich glaubte, dass die neu zur Regierung gekommene Partei das Beste will. Ich habe mich zeitlebens nie viel um Politik kümmert und ließ mich eben überreden. Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, das viel nicht so war wie es sein sollte. So stand ich von Anfang bis zum Schluss der Partei völlig interesselos gegenüber. Dies können wir mein ehemaliges Personal des Bahnhofes Gerabronn, sowie der Bahnhofswirt März und die Einwohnerschaft von Gerabronn bezeugen. Ich habe nie einen Appell abgehalten oder auf irgendjemand einen Druck ausgeübt, auch habe ich jederzeit abgelehnt, irgendein Amt in der Partei anzunehmen. Das einzige, was ich tat, war, dass ich meinen Mitgliedsbeitrag zahlte. Von 1938 bis 1943 war ich noch Mitglied des Reichsbundes der Beamten. Eines Tages wurde mir gesagt, dass alle Vorsteher der Bahnhöfe von Crailsheim bis Schrozberg und Langenburg Ein Amt inne hatten, während ich noch keines habe. So hat man mir auch das Amt eines Vertrauensmanns im RDB Für die Bahnhöfe Gerabronn und Langenburg aufgedrängt. Dieses Amt hatte ich jedoch nur dem Namen nach. Nie habe ich etwas getan, was die Bezeichnung Vertrauensmann im nationalsozialistischen Sinne rechtfertigen könnte. Ich glaube, dies kann mir der pensionierte Oberweichenwärter Georg Strecker jederzeit bestätigen, der als alter Sozialdemokrat nie PG war und heute Mitglied des Gemeinderats in Gerabronn ist. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, meine Ausführungen als den Tatsachen entsprechend zu betrachten und nach Möglichkeit die rasche Behandlung meines Falles zu befürworten. Otto Krauß“
Aus den Entnazifizierungsakten des Otto Krauß im Hauptstaatsarchiv Baden Württemberg.

 

1958