Navigationen im Menaka-Archiv

Das Menaka-Archiv sammelt Dokumente aus dem Kontext der Aufführungen von Leila Roys-Sokhey’s Indischem Ballett von 1931-38 in Europa und Südasien. Dieses Metaarchiv verknüpft verstreute Archivbestände unter einem bestimmten Thema und präsentiert sie mit Hilfe digitaler Werkzeuge in neuen Zusammenhängen. Die disparaten, teilweise unter prekären Bedingungen aufbewahrten Archivalien unterschiedlicher Provenienz und Materialität werden so verfügbar und zueinander in Beziehung gesetzt, dass sie die Ereignisse wie Puzzlestücke zu einem vielschichtigen Ganzen vereinen. Hieraus entstehen einzelne Erzählungen von Tanz und Musik, spirituellen Phantasmen und kultureller Vereinnahmung, großen Erwartungen und ebensolchen Missverständnissen. Die rasante Entwicklung neuer Bühnentechniken, Film und experimenteller Fotografie charakterisiert diese Ereignisse ebenso wie internationale Künstler:innen und Connaisseurs, die Produktionslogiken kolonialer Wertschöpfungsketten in den aufgeregten Zeiten vor dem großen Sturm.

Einer Spur folgen

Das indische Ballett Menaka 1936 in Deutschland

Von 1936 bis 1938 reiste die bengalische Tänzerin und Choreografin Leila Roy-Sokhey alias „Madame Menaka“ mit ihrem indischen Ballett durch Europa. Die Tournee der indischen Tänzerinnen verlief mitten durch das nationalsozialistische Deutschland, dass im Begriff war, seine völkische Kulturpolitik zu konsolidieren. Auf diese Weise geriet das indische Ballett zwischen die Linien eines ideologischen Kulturkampfes.
In Europa wurden die indischen Künstlerinnen  einerseits als Symbol der indischen Unabhängigkeitsbewegung gelesen, welche wiederum in Teilen mit der nationalsozialistischen Stellvertreterpolitik in Indien spekulierte. In Indien bestärkte der weltweite Erfolg eines genuin indischen Balletts hingegen auch die Positionen hindunationalistischer Kräfte und damit den wachsenden kommunalistischen Konflikt. In Deutschland wurde wiederum das Revitalisierungsnarrativ, auf dem die Idee des indischen Balletts fußte, als Vorbild einer völkischen Kulturreform herangezogen um auf diese Weise die Grenzen zwischen dem was als Deutsch und Nicht Deutsch zu betrachten war, genauer ziehen zu können.

Die Aufführungen des Menaka-Balletts sind, wenn auch fragmentiert, so doch durchaus in großer Breite dokumentiert. Zeitungsberichte, Theaterprogramme, Fotosammlungen, Briefe, Filmausschnitte und Tonaufnahmen zeichnen ein differenziertes Bild des Tanzereignisses. Vor allem die Europa-Tournee von 1936-38 erweist sich dabei als ein zusammenhängendes materielles Feld, in dem nicht nur hunderte Aufführungen aus dem Verlauf der drei Jahre verzeichnet sind, sondern vielmehr das breite Netzwerk der transnational verflochtenen Kunstwelt zwischen den Weltkriegen mit seinen ideologischen und logistischen Strukturen. Die Spuren des indischen Balletts in Europa spiegeln daher die Dynamik der sozialen Prozesse in Indien diesseits der kolonialen Peripherie, im Herzen der europäischen Metropole.

15 Dokumente

Verlorene Quellen

Doppelbödige Logik der kolonialen Moderne

In Indien hatte die Reinigungrhethorik, die den modernen künstlerischen Revitalisierungsprojekten implizit war, nachhaltige Auswirkungen auf die nationale Umgestaltung der Kulturlandschaft. Denn die modernen emanzipatorischen Reformprojekte hatten einen doppelten Boden: Im Fall von Kathak beispielsweise, jener Tanzform, aus der Leila Roy ihre Tanzdramen generiert hatte, wurden auf diese Weise ausgerechnet die traditionellen Performerinnen, welche die traditionellen Kunstformen unter den widrigen Bedingungen der kolonialen Gesellschaft am Leben gehalten hatten – und deren Repertoire nun endlich in die Mitte der Gesellschaft gerückt wurde, erneut aus der so gestärkten bürgerlichen Mitte ausgegrenzt. Das emanzipatorische Versprechen einer Teilhabe aller an einem nun als national begriffenen Kulturerbe hat sich für die Schicht der traditionellen Performerinnen nicht eingelöst. Im Archiv der nationalen Tanzgeschichte hinterlassen deren Schritte eine Lücke.

Spuren hinterlassen

Der Reise Sakhawat Khans in Deutschland nachgehen

»Nobody lives forever. Nor can we live all the life in Europe with so many people along, because it is very expensive here. There is nothing you should be worried about. People are worried about jobs. Your father has a job and is travelling with a name in the world and also earns money. It is by the grace of Allah many thanks to Allah.«
Sakhawat Hussein Khan, Brief aus Deutschland an seine Söhne in Kolkata, 1937

Am 7. März 1936 installierte die Reichrundfunkgesellschaft ihre phonographische Ausrüstung auf der Bühne der Hamburger Volksoper, um eine Aufführung des Menaka Hindu Balletts aufzuzeichnen. 12 Musikstücke des von Sakhawat Khan angeleiteten indischen Orchesters wurden zunächst auf Wachsmatritzen aufgezeichnet, dann auf Schellackplatten gepresst und nach Berlin in die Zentrale der Reichsrundfunkgesellschaft geschickt. Als 1945 die Luftangriffe auf Berlin zunahmen, packten Archivmitarbeiter der Reichsrundfunkgesellschaft tausende Schellackplatten in Kisten und vergruben diese in einer Kleingartensiedlung im Osten Berlins. Nach 1945 gruben Mitarbeiter des Rundfunks der DDR die Kisten dort wieder aus und gliederten sie ins Archiv des DDR-Rundfunks ein. 1990 wurde schließlich der Archivbestand der Reichsrundfunkgesellschaft nach Frankfurt am Main ins Deutsche Radioarchiv überführt.
Dort bekommt 2016 Irfan Khan zum ersten Mal jene Ton-Spur zu hören, die sein Großvater 1936 in Deutschland hinterlassen hatte.

15 Dokumente