Leila Roy Sokhey („Madame Menaka“)

Leila Roy alias Menaka wurde 1899 in Ostbengalen als Tochter eines in England ausgebildeten Anwalts und dessen britischer Frau geboren und wuchs in Calcutta (Kolkata) auf. Sie studierte in London, wo sie auch eine musikalische Ausbildung erhielt und erste Schritte im europäischen Ballett unternahm. Ende der 1920er Jahre begann sie sich intensiver mit verschiedenen lokalen Tanzpraktiken in Indien zu beschäftigen. Sie reflektierte dieses Projekt im Kontext des zeitgenössischen europäischen Balletts und beschrieb beispielsweise als Schlüsselmoment, durch die russische Primaballerina Anna Pawlowa zu einer Rückbesinnung auf die Tradition des indischen Tanzes ermuntert worden zu sein. Menaka entwickelte in Folge auf der Grundlage verschiedener indischer Volkstänze, vor allem aber unter Verwendung von Elementen aus dem nordindischen Kathak-Stil, sogenannte Tanzdramen und brachte diese indienweit zur Aufführung.

Parallel zu dem heute wesentlich bekannteren Tänzer und Choreografen Uday Shankar (1900-1977) gehörte sie zu einer Reihe von Akteur_innen im Umfeld von protonationalen Bewegungen in Indien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich um eine Aufwertung und Emanzipation lokaler Kunstformen bemühte. Mit ihrer Europatournee hatte Menakas nationale und internationale Rezeption jedoch einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nach ihrer Rückkehr nach Indien gelang es Menaka nicht mehr, ihr Projekt in Form einer regulären Tanzschule zu institutionalisieren. Sie erkrankte und starb 1947 im Alter von 48 Jahren.
Im Kontext der 1920er und 30er Jahre in Indien war Menakas Projekt durchaus kontrovers, denn die lokalen Tanzpraktiken waren zu diesem Zeitpunkt mehrfach stigmatisiert – durch die Repression im Zuge der puritanischen Anti-Nautch-Kampagne der Kolonialverwaltung, ebenso wie durch die Assoziierung von Tanzpraktiken mit Prostitution in breiten Teilen der Bevölkerung – was wiederum nicht zuletzt mit dem Zusammenbruch der höfischen Patronatsstrukturen für die performativen Künste zusammenhing.
Erst im Zuge der sich um die Jahrhundertwende zunehmend formierenden nationalen Unabhängigkeitsbewegung erhielten die lokalen Kunstformen und damit auch die verschiedenen Tanztraditionen neue Aufmerksamkeit – nicht zuletzt mit Blick auf ihr Potential zur Herstellung nationaler Identität. Die sogenannte Renaissance indischer traditioneller Künste in den 1920er Jahren in Indien wird daher weitestgehend im Kontext der Erfindung der Nation betrachtet.
Kathak beispielsweise – der Tanzstil, aus dem Menaka viele Elemente für ihre Choreografien entlehnte, hat für seine heutige Form wesentliche Impulse aus den Revitalisierungsbemühungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten. Die Historikerin Margaret Walker zeichnet in ihrer Monografie zur Geschichte des Kathak die Transformation der ehemals höfischen (Tanz-) Unterhaltungskultur in eine bürgerliche Repräsentationskultur nach und kennzeichnet die Entwicklung des heute in Indien praktizierten klassischen Tanzrepertoires als Gentrifizierungsprozess, der auch von der europäischen Theaterwelt informiert war.
Während Walker die indische Tanzgeschichte eher aus der sozioökonomischen Perspektive rekonstruiert, verweisen Kunsthistoriker wie Partha Mitter außerdem auf die eigenständige Qualität der künstlerischen Appropriierungen durch die indische Avantgarde.
Mitter differenziert dazu zwischen einem fortschreitenden globalen Modernisierungsdiskurs einerseits und lokalen modernistischen künstlerischen Praktiken andererseits. Er beschreibt die Renaissance der indischen Künste zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ausdruck einer lokalen Moderne, welche die ästhetischen Innovationen der europäischen Avantgarde nicht lediglich kopierte, sondern diese auf ganz eigene Weise subversiv fruchtbar zu machen wusste. Mitter betont damit einen Aspekt von künstlerischer Modernität, der von einer eurozentrisch geprägten Geschichte der Avantgarde nur unzureichend abgebildet wird.
Die sozioökonomische Dynamik der Transformationsprozesse in Indien auf dem Weg zur Nation und die Produktivität der künstlerischen Appropriierungen der europäischen Avantgarde markieren derart einen Deutungsrahmen für Menakas Projekt.
Auf diese Weise eröffnet sich ein zweiseitiges Forschungsfeld. Auf der einen Seite in Indien selbst, wo Tanzformen wie Kathak heute als nationales Kulturerbe betrachtet werden. Die Rolle von Vertreter_innen der künstlerischen Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bei der Etablierung eines klassischen Kanons für Tanz ist jedoch noch nicht eingehend untersucht. Auf der anderen Seite spiegelt die Tournee des Menaka-Balletts in Deutschland aber auch genau das konstitutive Außen der europäischen Moderne wieder, deren verflochtene Konturen erst jetzt zunehmend im Zuge von Bemühungen zur Dekolonisierung von Archiven deutlicher zutage treten.

 

weiterführende Informationen zu Leila Roy:

https://sangeetnatak.gov.in/sna/online_detail_popup.php?id=62